Gegen 13:00 Uhr kommen die Kinder aus der Schule, die Ruhe ist vorbei und die Geschichte muss fertig sein. Deshalb schreibt der 42-jährige Kurzgeschichten, die in zwei bis drei Stunden fertig sind. Das Ergebnis sind leicht verdauliche Portionen mit Niveau - für Bauern und „Nichtbauern“, für den Wenigleser oder einfach für den Lesespaß zwischendurch.
Jeder Wahrheit wohnt ein Märchen inne
Der Biobauer aus Stolpe in Schleswig-Holstein nimmt in seinen lebendigen Geschichten fast alles und jeden auf die „Hörner“ und verschont vor allem sich selbst dabei nicht – das ganze gewürzt mit einer guten Portion Selbstironie. Der fünffache Familienvater bringt Leser und Zuhörer zum Lachen, ohne dabei in niveaulosen „Klamauk“ abzugleiten. Sein Humor lebt von der Wiedererkennung und von der direkten, unverblümten aber herzlichen Sprache im Land zwischen den Meeren. „Alle meine Geschichten haben einen wahren Hintergrund, ungefähr 30 % sind allerdings dichterische Freiheit - kleine Übertreibungen, die die rechte Würze bringen.“ Stührwoldt ertappt sich dann oft selbst dabei, dass die sooft erzählten Geschichten mehr und mehr mit der wahren Begebenheit verschwimmen, bis er selbst kaum noch weiß, was wirklich davon passiert ist. Dabei ist das Tagebuch, das er als Jugendlicher regelmäßig geführt hat, ein wertvoller Fundus und Ideengeber. Alle seine Erzählungen sind aus der „Ich-Perspektive“ geschrieben. „Oft bringen mich die Menschen ganz unmittelbar mit meinen Geschichten in Verbindung. Nach den Lesungen wollen immer wieder Leute noch mehr darüber wissen, wie ich diese oder jene Situation gemeistert habe.“
Bücher für „Nichtleser“
Auf einem Bauernhof muss eine Menge los sein, um darüber fünf Bücher schreiben zu können – denkt man. Matthias Stührwoldt hat den Blick fürs Detail, für die scheinbar ganz normale Alltäglichkeit, die durch eine überraschende Perspektive oder ein kleines Wortspiel zu einer amüsanten Erzählung wird. „Manchmal spreche ich mit Bauern, die seit 20 Jahren kein Buch mehr gelesen haben. Wenn sich so ein Nichtleser schon auf mein nächstes Buch freut, weil er alle anderen schon gelesen hat, das ist für mich das Größte.“
Aber mit dem Schreiben ist es nicht genug. Der Bauer aus Überzeugung fährt an 100 Abenden im Jahr durch ganz Schleswig-Holstein und liest und erzählt seine Geschichten und Gedichte. Sein Radius ist allerdings begrenzt auf die Orte, die nach dem Melken mit dem Auto noch erreichbar sind. Gegen Mitternacht muss er wieder zu Hause sein, um am nächsten Morgen fit für die Stallarbeit zu sein. „Jede meiner Lesungen ist anders. Die Abende leben von der direkten Kommunikation mit dem Publikum, von dem Zuruf, den ich aufgreife und spontan in die Pointe einbaue. Mein Publikum ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für meine Geschichten. Viele Bäuerinnen und Bauern können spannende und amüsante Geschichten aus ihrem Alltag erzählen, nur ich schreibe sie auf.“
Bild (oben): Die Stührwoldts, eine ganz normal besondere Familie. v.l. Nora, Matthias, Birte, Peer, Marie, Jon und Carla mit Pferd „Schirocco“ und den Hunden Zwieback und Matrix.
Bild (unten): Am Küchentisch entstehen die meisten Geschichten und Gedichte von Matthias Stührwoldt.



