Landesverband Bayern

Tag der Maschinenringe 2010

Datum: Montag, 5. Juli 2010

Herrn Staatssekretär Prof. Dr. Siegfried Englert sprach anlässlich dem "Tag der Maschinenringe" in Speyer.

Hier sein Grußwort in voller Länge:

Idyllisch soll er sein, der ländliche Raum. Natürlichkeit und Ruhe muss er ausstrahlen, der ländliche Raum. Seine Dörfer und alten Ortskerne misst man gerne an den ästhetischen Maßstäben eines Publikums, das seinen Blick für das Schöne auf Mallorca oder in der Toskana geschärft hat. Die Konsumgüterindustrie kreierte in den letzten Dekaden einen Landhausstil, der viele Anleihen im mediterranen Raum genommen hat. Dieser Stil bietet dem gestressten Städter die Möglichkeit des Rückzugs und prägt seine Vorstellung vom Land. In dieser idyllischen Vorstellungswelt ist kein Platz für wirtschaftliche Erwägungen. Landwirtschaft wird in dieser Welt auf ihre ökologische und landschaftspflegerische Funktion reduziert. Ländlicher Raum, meine Damen und Herren, wird im Bewusstsein der Menschen in den Metropolen immer mehr zum reinen Erholungsraum für Körper und Geist.

Der Mythos des idyllischen ländlichen Raums ist wieder auferstanden - und dieser Mythos ist gefährlich für den ländlichen Raum. Die ländlichen Gebiete fern ab von Agglomerationen stehen vor enormen Herausforderungen. Hier zeigt sich schon jetzt - auch in Westdeutschland - die demographische Entwicklung in aller Schärfe. Hierzu einige konkrete Beispiele: Es wird immer schwieriger, die Nahversorgung mit medizinischen Leistungen zu gewährleisten. Der Lebensmitteleinzelhandel, der von seinen Filialen einen Mindestumsatz von nicht selten einer halben Millionen Euro pro Jahr fordert, hat sich aus immer mehr Orten zurückgezogen. Wie viel Aufwand mit dem Aufbau einer technischen Infrastruktur in Zeiten der Deregulierung und reiner Marktorientierung verbunden ist, zeigt sich bei der Breitbandversorgung. Und natürlich wird es in abgelegenen Regionen immer problematischer, Vereinsleben und sonstige ehrenamtliche Strukturen aufrecht zu erhalten. Diese Entwicklungen sind in den letzten Jahren still und leise eingetreten. Allenfalls die Probleme bei der medizinischen Nahversorgung haben es geschafft, überregional Aufmerksamkeit zu erlangen. Schließlich lässt sich auch Medien in den Metropolen schnell vermitteln, dass es überall in Deutschland ein Minimum an ärztlicher Kompetenz geben sollte.

 

Ansonsten zeigt man für die Entwicklungsprobleme der ländlichen Räume im Umfeld der Metropolen kaum Verständnis. Eine urban orientierte Wirtschaftspolitik des Bundes setzt auf Metropolregionen, Eliteuniversitäten und Clusterbildung in Städten. Fragen der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sind Gegenstand der Diskussionen einer kleinen Minderheit von Planern und Fachleuten für den Länderfinanzausgleich geworden. Und für den ländlichen Raum wird es immer aufwändiger, Verständnis für seine eigenen Probleme zu wecken. Seine Vertreterinnen und Vertreter müssen immer intensiver gegen den Mythos von der ländlichen Idylle ankämpfen. Denn es gibt nicht wenige vormoderne Bilder, die sich wie Mehltau über die Diskussionen um den ländlichen Raum gelegt haben. Zwei Beispiele hierzu: · Da ist der Mythos von der Schönheit des kleinen, naturnah arbeitenden Bauernhofes. 2001 wollte Gerhard Schröder den Abschied von der „Landwirtschaftsindustrie“ einläuten. Die Medien haben den Impuls dankend aufgenommen. Denn natürlich wird die städtische Vorstellungswelt von Landwirtschaft durch Betriebe der „Marke Streichelzoo“ geprägt. Da sind dann nur kleine, kuschelige Betriebe, gute Betriebe. Wir alle wissen, dass der ländliche Raum eine Landwirtschaft benötigt, die, egal ob es sich um konventionelle oder Biobetriebe handelt, hoch professionell aufgestellt ist. Dies kann nur eine Landwirtschaft sein, die ihre bisherige Betriebsverfassung in Frage stellt, auf hoch qualifizierte landwirtschaftliche Unternehmerinnen und Unternehmer setzt, komplexe Umweltstandards realisiert und einen Blick für den Weltmarkt hat. Es ist der urbanen Öffentlichkeit leider schon nicht leicht zu erklären, dass eine moderne und tiergerechte Haltung die Anbindehaltung in dunklen Ställen nur dann ablösen können wird, wenn die Betriebe in der Lage sind in moderne Ställe zu investieren. Kaum vermittelbar ist dann, dass im ländlichen Raum die Kleinstbetriebe genauso verschwinden werden, wie die „Tante-Emma-Laden“ in den 60iger Jahren.

 

Da ist - Beispiel 2 - die Diskussion um Projekte der Verkehrsinfrastruktur. In den Augen der medialen Elite werden solche Vorhaben schnell zum Turmbau zu Babel. Dabei fällt es leicht, negative Reaktionen hervorzurufen, denn für nicht wenige sind Straßen oder Brücken ob ihrer negativen Umweltwirkungen per se falsch und verdammungswürdig. So lässt sich dann, z.B. bezogen auf das Projekt Hochmoselübergang in Rheinland-Pfalz, in einem Berliner Szenelokal bei einem guten Riesling über das ökologische Unverständnis von Provinzpolitikern philosophieren. Da finden sich schnell ein Joschka Fischer, eine Renate Künast oder ein überdrehter Weinkritiker, der die Feuilletonisten der Republik zum Aufschrei bringt. Echte oder erfundene Umweltwirkungen der Projekte lassen sie als politische Fehler erscheinen.Vergessen werden dann die Interessen des ländlichen Raums, von Regionen, die auf eine schnelle Anbindung an die Zentren angewiesen sind. Vergessen wird das Interesse einer Region wie der Mosel, die eine gute Verbindung zu den touristischen Quellmärkten benötigt. Und keine Rolle spielt die Erfahrung, dass eine Ansiedlung von Unternehmen nur noch dann erfolgt, wenn die betroffenen Bereiche von einer Fernstraße erschlossen sind. Die Beispiele zeigen: Dem ländlichen Raum wird von einer urban orientierten Öffentlichkeit gelegentlich das verweigert, was in dem Prozess der Globalisierung von entscheidender Bedeutung ist: Schnelligkeit, Spezialisierung und eine wirksame Anpassung der technischen Infrastruktur. Was ist in dieser Situation zu tun?

 

1. Der ländliche Raum benötigt wieder eine deutliche Stimme. Die Berliner Republik verliert die Räume außerhalb der Metropolregionen immer mehr aus dem Blick. In der Bahnpolitik setzt man auf die Verbindung der großen Zentren, für Bundesbehörden wird die Nähe zu Berlin gesucht und die Forschungspolitik konzentriert sich auf die Clusterbildung in Metropolregionen. Hiergegen müssen wir hörbar anreden und für den ländlichen Raum argumentieren.

2. Es geht darum, die Öffentlichkeitsarbeit für den ländlichen Raum zu verbessern. Dies geschieht nicht durch ein weiteres Magazin, in dem der Mythos der ländlichen Idylle verbreitert wird, sondern über ein Sammeln von Fakten für die Interessen der ländlichen Räume.

3. Die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ darf nicht zu einer Worthülse werden. Der Zugang zu einer modernen technischen Infrastruktur ist hier ein wesentlicher Schlüssel. Wir müssen aber unbedingt wieder lernen, dass Fragen der Infrastruktur nicht alleine den Märkten überlassen werden können.

4. Wir sollten ehrlich über Rückzugsstrategien in Räumen nachdenken, die vor der Entvölkerung stehen. Hier ist nach meiner festen Überzeugung die regionale Konzentration ein wichtiger Gesichtspunkt. Wir werden nicht überall alles erhalten können.

5. Überall muss es aber einen angemessenen Zugang zur öffentlichen Infrastruktur und zur Nahversorgung geben. Sei es über mobile Dienste - etwas bei der Lebensmittelversorgung - oder über den öffentlichen Personennahverkehr.

6. Es gilt, die Entwicklungsperspektiven der jeweiligen Räume sehr genau zu analysieren. Nicht überall ist das Thema „Tourismus“ wirklich das richtige Thema. Denn es setzt sowohl eine objektive landschaftliche Schönheit als auch einen hohen Aufwand für das regionale Marketing voraus.

7. So schön sich ein reiner „Bottom up“-Ansatz politisch verkaufen lässt, so wenig wird er in der Praxis erfolgreich sein. Ländliche Entwicklung benötigt fachliche Impulse und einen strategischen Rahmen, der „Top down“ von den politisch Verantwortlichen zu liefern ist.

8. Wir alle werden uns den Problemen in abgelegenen ländlichen Räumen mit viel Ehrlichkeit widmen müssen. Vor allen Dingen benötigen wir die Kraft dazu, mittelfristig orientierte Strategien zu realisieren. Auch an dieser Stelle werden wir die Kurzfristorientierung in vielen Teilen der Politik und ein Denken in Legislaturperioden überwinden müssen.

9. Und natürlich müssen wir die Chancen auf den Weltagrarmärkten nutzen und die Professionalisierung der Landwirtschaft vorantreiben. Anrede, ich bin sehr dankbar, heute vor einer Gruppe zu stehen, die mit sehr praktischen Schritten schon sehr lange für eine effektive Landwirtschaft und damit für die Zukunft des ländlichen Raums steht.

 

Die Grundidee der Maschinenringe ist ja eine sehr einfache und eingängige: Moderne und damit oft auch teure Maschinen und Anlagen sollen durch überbetriebliche Nutzung möglichst vielen Landwirten kostengünstig zur Verfügung stehen. Allerdings soll dabei jedes Mitglied alle Investitionsentscheidungen immer selbst treffen, das heißt die Maschinen auch selbst erwerben, allerdings mit einer hohen Sicherheit, diese neue, meist auch teure Technik durch überbetrieblichen Einsatz auch rentabel einsetzen zu können. Lassen Sie mich die Bedeutung der Maschinenringe an wenigen, aber aussagekräftigen Zahlen untermauern. 2007 waren in Deutschland mehr als 193.000 Betriebe Mitglied in einem Maschinenring.

Das sind knapp 60 % aller landwirtschaftlichen Betriebe.

Diese bewirtschaften mehr als 7,6 Mio. ha landwirtschaftliche Fläche, rund 45 % der

landwirtschaftlich genutzten Fläche Deutschlands.

Der Gesamtumsatz aller Maschinenringe einschließlich ihrer Tochterunternehmen

lag 2007 bei mehr als 889 Mio. EURO. Bemerkenswert ist, dass bisher die jährlichen

Umsätze stetig gesteigert werden konnten.

Dabei spielt die überbetriebliche Maschinenvermittlung mit rund 470 Mio. EURO immer noch die größte Rolle. Die Zahl zeigt aber auch, dass sich das Geschäftsfeld der Maschinenringe durch neue interessante Aufgaben erweitert haben muss. Beispiele hierfür sind die Vermittlung an Arbeitskräften und Betriebshelfern aber auch Beteiligungen an Gesellschaften zur Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten bis hin zur Beratung, Konzeption und Betreuung von Fotovoltaikanlagen. Einige der Aufgaben werden heute zweckmäßigerweise in Tochtergesellschaften abgewickelt. Bei allen Tätigkeitsfeldern der Maschineringe heute kann ich feststellen: es schwebt noch heute auch nach mehr als 50 Jahren der Geist Erich Geiersbergers als immer noch attraktives und gültiges Leitbild über der Arbeit der Maschinenringe.

 

Modern, zukunftsorientiert und immer den Nutzen der Mitglieder vor Augen, so arbeiten und präsentieren sich die Maschinenringe heute. Die aktuellen Zieldefinitionen des Bundesverbandes im Interesse der Mitglieder sind heute noch so aktuell wie zur Zeit der Gründung der ersten Ringe:

 

1. Minimierung der Produktionskosten unter Ausnutzung modernster Maschinen, Geräte und Verfahren - Auch heute noch stellt das einen, wenn nicht den wichtigsten Beweggrund für Landwirte dar, Mitglied in einem Maschinenring zu sein oder zu werden. Im Zuge eines mittlerweile weltweiten Wettbewerbs bei landwirtschaftlichen Produkten stellt eine kostengünstige, rationelle Wirtschaftsweise die Grundlage für eine erfolgreiche Betriebsführung und spürbare Verbesserung der Überlebenschance des Betriebs dar.

 

2. Erschließung und Vermittlung zusätzlicher Einnahmequellen in und außerhalb der Landwirtschaft - In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf die Unterstützung bei der Planung und dem Aufbau von Fotovoltaikanlagen oder aber der Organisation der Zulieferung von Rohstoffen für Biogasanlagen hinweisen.Daneben spielt auch das Aushandeln interessanter Nutzungstarife für die Telekommunikation oder die Hilfen für den günstigen Bezug von betrieblich genutzten PKW eine Rolle. Mittlerweile stellt die Vermittlung von außerlandwirtschaftlichen Tätigkeiten einen bedeutenden Sektor in der Maschinenringarbeit dar. So kann in diesem Zusammenhang auf Tätigkeiten in der Landschaftspflege für kommunale Einrichtungen ebenso wie auf Übernahme des Winterdienstes auch für Gewerbebetriebe verwiesen werden.

 

3. Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die in den Mitgliedsbetrieben tätigen Menschen. Moderne Maschinen bieten heute fast zwangsläufig einen, an moderne Erkenntnisse der Medizin, insbesondere der Ergonomie angepassten Arbeitsplatz. Die Verwendung von klimatisierten Kabinen in Verbindung mit wirklich an den Nutzungszweck optimal angepassten Sitzen sind hierfür die besten Beispiele.

 

Natürlich hilft das Angebot an mobilen Fachkräften spürbar mit, einmal Urlaub vom landwirtschaftlichen Betrieb überhaupt realisieren zu können. Beide Beispiele stellen einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung der auf dem Betrieb arbeitenden und lebenden Menschen dar.

 

4. Hilfe in Notlagen in landwirtschaftlichen Betrieben -

Beispielhaft soll hier auf die Vermittlung von kompetenten Arbeitskräften in schwierigen betrieblichen Situationen werden ohne die es in einigen Fällen im Betriebe nur schwer oder gar nicht weitergegangen wäre. Schwere Krankheiten oder plötzliche Todesfälle könnten sonst den Weiterbestand eines Betriebes schnell in Frage stellen.

 

5. Optimierung der Betriebsführung und Stabilisierung des Unternehmens durch gezielte Beratung - Unter Ausnutzung von speziell an den Betrieb angepassten Leistungsangeboten des jeweiligen Maschinenrings, aber auch darüber hinaus, werden Pläne und Konzepte zur Betriebsentwicklung erstellt und deren Realisation beratend begleitet. Allein die auch in einer Zeit rückläufiger Betriebszahlen in der Landwirtschaft immer noch konstante Mitgliederzahl in den Maschinenringen bestätigt deren Attraktivität und Akzeptanz in der Praxis. Die Politik hat den besonderen Wert und die Bedeutung des Maschinenringgedanken längst erkannt und als wichtig empfunden. Daher unterstützt das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau die Tätigkeit der Maschinenringe in Rheinland-Pfalz jährlich mit 112.500 EURO als Beihilfe zur Geschäftsführung der einzelnen Ringe. 

Ich darf daher den Maschinenringen für die bisherigen Leistungen meine persönliche Anerkennung und Hochachtung aussprechen und ihnen für ihren zukünftigen Weg alles Gute und viel Erfolg wünschen. 

 

Ich wünsche Ihnen, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen interessanten Tag mit vielen hilfreichen Anregungen für die Arbeit zu Hause auf ihren landwirtschaftlichen Betrieben und schöne, bleibende Impressionen an unser schönes Rheinland-Pfalz, besonders an die gastgebende Stadt Speyer. Lassen Sie uns weiterhin gemeinsam für die Zukunft des ländlichen Raums streiten.